Gespräche ohne Worte
Bericht einer atempädagogischen Begleitung in der letzten Lebensphase

Fr. M ist 83 Jahre alt. Nach mehreren Schlaganfällen wird sie nun seit mehreren Jahren von zwei liebevollen, sorgfältigen Pflegerinnen aus der Slowakei abwechselnd zu Hause gepflegt. Frau M.'s Tochter hat mich auf Empfehlung der Palliativschwester angerufen, weil ihre Mutter öfter an Atemnot gelitten hat. Als Atempädagogin habe ich Erfahrung mit dem Beruhigen von Atemrhythmen durch Berührung.
Im Folgenden beschreibe ich eine der ersten Atemstunden (Hausbesuche) mit Fr. M.

Fr. M. liegt auf dem Rücken in ihrem Bett, als ich ins Zimmer komme.
Ihre Augen sind weit geöffnet, ihre Hände halten die Bettdecke fest.
Ich begrüße Fr.M, gebe ihr die Hand. Dann beuge ich mich zu ihrem linken Ohr hin - sie kann nur noch mit dem linken Ohr hören – und erkläre ihr, dass ich ihr versuchen werde ihr zu helfen, ihren Atem zur Ruhe zu bringen. Ich bitte sie, sich ihre Hand in der Körpermitte auf zu legen und frage, ob das in Ordnung ist, wenn ich mit meinen Händen an ihrer Schulter arbeite. Fr. M. nickt. Ihr Atem geht schnell, unruhig und wechselhaft. Der Einatem ist impulsiv und angestrengt, der Ausatem ganz kurz.
Sie wirkt erschrocken über diese Turbulenzen in ihrem Körper.

Ich lege nun meine rechte Hand unter ihr Schulterblatt, die linke oben in die Vertiefung zwischen Brustkorb, Schlüsselbein und Schulterkugel. Ich beuge mich wieder zu Fr. M's linkem Ohr und bitte sie, nun die Augen zu schließen und zu meinen Händen hin zu spüren.
Ich halte die Schulter zwischen meinen Händen, bewege sie sanft, kreisend mit der Absicht Spannung im Gelenk zu lösen - dann unterstütze ich den Ausatem indem ich gleichzeitig ganz sanft mit der oberen Hand nach unten drücke. Nunn warte ich ruhig einen Atemzug ab und gebe wieder etwas Druck im Ausatem, warte wieder, spreche wieder den Ausatem an, durch leichtes Drücken in die Unterlage.
Nach etwa einer Minute wird der Atemrhythmus langsamer. Der Ausatem hat sich verlängert, der Einatem wirkt gelöster.
Ich lasse meine Hände nun ruhig liegen und gebe nur noch hie und da dem Ausatem einen sanften Impuls.
Nun neige ich mich wieder zu Fr. M.'s Ohr und sage:"Nun geht's etwas leichter, nicht wahr?" Fr. M. nickt.
Ich nehme ihre zweite Hand und lege sie auf die Körpermitte, lege meine Hand darauf und bitte Fr. M. diesen ruhigen Atemfluss zu spüren und mit ihrer Aufmerksamkeit dabei zu bleiben.

Nach einer Weile frage ich Fr. M, ob es ihr recht ist, wenn ich noch ein wenig an ihren Füße arbeite. Als sie nickt, gehe ich zum Fußende des Bettes.
Ich nehme zuerst den linken Fuß auf, halte die Ferse in meiner linken Hand, die Fußsohle liegt ganz an meinem Unterarm auf. Ich, streiche mit meiner rechten Hand dann mehrmals langsam vom Sprunggelenk bis zu den Zehen. Dann lege ich die Hand oben auf den Fuß, halte diesen und schaue, wie der Atem jetzt gerade fließt.
Die Atembewegung ist nun wieder etwas schneller geworden. Also gebe ich mit beiden Händen im Ausatem sanft aber deutlich Druck auf verschiedene Stellen des Fußes – und wieder wird der Atemrhythmus langsamer, der Einatemimpuls verliert seine Heftigkeit. Nach einer Weile entsteht sogar eine kurze Ruhepause nach dem Ausatem.
Ich löse meine Hände langsam vom linken Fuß, nehme den rechten Fuß auf, lege meinen Unterarm an die Fußsohle, umschließe die Ferse und gebe auch diesem Fuß an mehreren Stellen Druck im Ausatem.
Abschließend lege ich eine Hand auf Fr.M.'s Hände und schaue dem Atem noch eine Weile aufmerksam zu. Er fließt nun ruhig und rhythmisch.
Als ich meine Hand wegnehme, öffnet Fr. M. die Augen, sieht mich an und fragt dann "Wann kommen Sie wieder?"

In den folgenden Monaten habe ich ein bis zwei Hausbesuche pro Woche bei Fr. M. gemacht – ich habe sie begleitet im "Nach-innen-Spüren".
Wir haben auch die Stimme genützt, um ein Loslassen des oft festgehaltenen Ausatems ein zu üben. Gemeinsam haben wir "M", "A" und "JA" getönt. Durch das langsame, auch noch von meinen Händen unterstützte, Ausatmen hat sich der Atemrhythmus immer beruhigt.
Die Phase von Kurzatmigkeit hat etwa vier Wochen gedauert.

Fr. M. wollte weiterhin Atemstunden nehmen und wir haben wieder das "Nach-innen – Spüren" geübt, das das achtsame Wahrnehmen von Körper und Atem.
Dabei sind so etwas wie wortlose Gespräche entstanden: zwischen meinen Händen und dem Atemrhythmus von Fr. M., der auf meine Berührungsangebote "geantwortet" hat.
Meist habe ich an den Füßen und Beinen, den Händen, Armen, Schultern und am Rücken gearbeitet. Dabei habe ich die Gelenke sanft durch bewegt, andere Interventionen waren Streichungen, ruhiges Halten, sanftes Dehnen oder
Druck geben im Atemrhythmus.
Am Ende der Stunden habe ich Fr. M. jedes Mal gebeten, noch eine Weile still nach zu spüren, noch dran zubleiben, das ruhige Fließen ihres Atems zu genießen.

So hat sie, trotz Allem, ihren Körper regelmäßig auch als Quelle von Wohlgefühl erlebt und – da bin ich mir sicher - für eine Weile Ruhe von ihren Gedanken gehabt!

Atem zeigt, wie sich Menschen fühlen. Angst macht, dass wir den Atem anhalten. Wenn der Atem wieder ins Fließen gebracht wird, löst sich auch die Angst und ganz oft kommt Seufzen, Stöhnen oder tiefes Durchatmen.

Berührung verändert die Selbstwahrnehmung deutlich und schnell und löst das Festhalten an Gedanken.
Ich glaube, dass das, was Menschen in der letzten Phase ihres Lebens, (wenn sie vielleicht nicht mehr hören, nicht mehr sprechen, sich gar nicht bewegen können) im tiefsten Inneren beschäftigt, so etwas ist, wie eine stille Arbeit. Der Rückzug von äußeren Dingen ist dazu notwendig und sollte keinesfalls gestört werden.

Es geht wohl auch um eine Hingabe, ein Geschehen Lassen, das viele in unserer Kultur, in ihrem aktiven Leben gar nie kennen gelernt haben!
Diese "Innenarbeit" ist ein Herantasten an ein zutiefst persönliches in Beziehung treten zum Leben selbst, zum Geheimnis, für das uns die Worte fehlen.
Der Kontakt zum eigenen Atem, ist dabei eine kostbare Hilfe, denn dieser ganz persönliche innere Rhythmus verbindet unseren Körper mit allen Tiefenschichten unseres Wesens.

zurück zu "Atempädagogik für
Schwerkranke